"Gisa Klönne entwickelt Charaktere von beklemmender Authentizität. Eine fesselnde Lektüre."

Hamburger Abendblatt

Interview

Zum Krimitag am 8. Dezember, der zeitgleich in vielen Städten Deutschlands, Österreichs und der Schweiz stattfand, sprach Anke Fricke für den WDR mit Gisa Klönne über die Besonderheiten deutschsprachiger Kriminalliteratur und ihre Serie um Judith Krieger.

WDR.de:Warum brauchen wir einen Krimitag?

Gisa Klönne:Wir brauchen ihn, weil die Leute Krimis lieben. Die Autorenvereinigung Syndikat, die den Krimitag veranstaltet, hat es mit ihrer Öffentlichkeitsarbeit geschafft, dass die deutschen Krimis heute viel stärker wahrgenommen werden als früher. Vor zehn Jahren galt noch: Man liest die Amerikaner und die Skandinavier. Die Deutschen schreiben auch etwas, aber das muss man nicht lesen.
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WDR.de:Was unterscheidet denn einen deutschen Krimi von einem skandinavischen oder amerikanischen?

Gisa Klönne:Wir deutschen Krimiautoren sind genauso von den internationalen Klassikern geprägt wie das die Autoren in Skandinavien sind. England, Amerika und Frankreich haben natürlich mit Agatha Christie, Patricia Highsmith und Georges Simenon eine längere Tradition.

WDR.de:Gibt es also keine typisch deutschen Krimimerkmale?

Gisa Klönne:Ich glaube, das Regionale ist etwas typisch Deutsches. Wenn in Deutschland ein Krimi erscheint, sagt man gerne den Ort dazu. Wenn in Amerika dagegen ein neues Buch veröffentlicht wird, dann ist das nicht ein "Boston-Krimi" oder ein "New-York-Krimi". Oder bei Wallander in Schweden würde niemand sagen, das sind Göteborg-Krimis. Es ist vielleicht so etwas wie unsere nachgeholte Heimatliteratur. Wir hatten in Deutschland lange ein Problem mit Heimat und der Identifikation. Das ist aber nur eine vage These von mir.

WDR.de:Wie ist der deutsche Krimi im internationalen Vergleich?

Gisa Klönne:Grundsätzlich hinken wir in Deutschland mit der Kriminalliteratur hinterher. Wir sind relativ spät auf den Krimi gekommen, was an unserer Geschichte liegt. Denn man braucht schon eine stabile Demokratie, um gerne etwas über Ermittler zu lesen, die dem Staat zuzuordnen sind. Im Nationalsozialismus Romane mit Polizisten zu lesen war schließlich undenkbar. Ähnlich war es in Spanien. Auch dort ist man wegen der Diktatur relativ spät auf Kriminalliteratur gekommen. Da war man in England und Frankreich unbeschwerter.

WDR.de:Ihre Bücher sind auch in Dänemark und Spanien sehr erfolgreich. Ist das eher die Ausnahme, dass deutsche Krimis im Ausland gelesen werden?

Gisa Klönne:Ich glaube schon. Ich kenne zwar einige Kollegen, deren Bücher übersetzt werden, aber es sind nicht sehr viele. (...)

WDR.de:In Ihrem jüngsten Buch stößt Ihre Kommissarin bei ihren Ermittlungen auf die katastrophale Situation in Kinderheimen in der Nachkriegszeit. Warum haben Sie das Thema aufgegriffen?

Gisa Klönne:Ich bin zu Recherchen für einen anderen Roman immer wieder mit der Situation in den Kinderheimen zur NS-Zeit und in der Nachkriegszeit konfrontiert wurden. Ich fand dieses Unrecht, das seinerzeit fast einer Million Kindern angetan wurde, sehr erschütternd. Das passte aber nicht zu diesem anderen Roman. Als ich dann überlegt habe, wie es mit Judith Krieger weitergeht, dachte ich, die Heimsituation wäre etwas. Ich mag es, wenn in einem Kriminalroman nicht nur die Geschichte der Ermittlung erzählt wird, sondern man noch etwas aus der Gesellschaft zeigt.

WDR.de:Auch in den vorherigen Fällen Ihrer Kommissarin spielten Missstände wie Gewalt gegen Frauen, Doppelmoral in der Katholischen Kirche oder Mobbing eine Rolle. Verstehen Sie Ihre Romane auch als Gesellschaftskritik?

Gisa Klönne:Ich nenne es Gesellschaftsroman, nicht Gesellschaftskritik. Es geht mir schon primär um die Figuren. Sie müssen stimmig sein mit ihrer Psychologie und Dramaturgie. Aber meine Personen agieren eben nicht im luftleeren Raum, sondern in unserer Gesellschaft. Und da es Krimis sind, geht es meistens um Missstände und die düstere Seite des Lebens.
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Das vollständige Interview erschien am 8. Dezember 2011 auf WDR.de. Die Fragen stellte Anke Fricke. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Autorin.