"Gisa Klönne entwickelt Charaktere von beklemmender Authentizität. Eine fesselnde Lektüre."

Hamburger Abendblatt

Interview

Warum schweigt der Wald ...

Wir dichten ihm ungefragt alles Mögliche an, sagt die Kölner Krimi-Autorin Gisa Klönne. Sogar versteckte Leichen. Gisa Klönne im Interview mit der Zeitschrift Brigitte (3/2007), erschienen am 17. Januar 2007.

BRIGITTE: Wann waren Sie zum letzten Mal im Wald?

Gisa Klönne: Vor ein paar Tagen. Es war neblig. Ich war in Mecklenburg unterwegs, im Forst bei Schloss Kaarz, bin allein durch den Wald gelaufen — wunderbar.

BRIGITTE: Und was hat er gesagt?

Gisa Klönne: Gar nichts. Wie immer. Kennen Sie doch: Der Wald steht schwarz und schweiget ...

BRIGITTE: ... und aus den Wiesen steiget ... Aber warum schweigt er? Im Geräuschemachen ist er doch sonst nicht schlecht.

Gisa Klönne: Stimmt. Er knarzt und raschelt und raunt und ächzt. Manche Leute hören sich sogar CDs mit Waldesrauschen an, das beruhigt angeblich. Und dann fangen wir an, dem Wald menschliche Züge anzudichten: Was diese knorrige Eiche schon alles gesehen hat ... Wovon jene Birke wohl träumt. Wenn die uns was erzählen könnten ...

BRIGITTE: Aber will ich das wirklich alles wissen?

Gisa Klönne: Kommt drauf an.

BRIGITTE: Und wäre es nicht ein Höllenlärm? Die Buche würde schreien: Hallo, ihr da, hört sofort auf zu sägen! Der Ahorn würde das Liebespaar fragen: Schäferstündchen zu meinen Füßen? Kommt nicht in Frage.

Gisa Klönne: Das wäre wie auf einem pädagogischen Lehrpfad – ziemlich langweilig. Dabei ist der Wald so spannend. Wir lieben ihn wegen seiner Schönheit, aber die romantische Stimmung kann schnell umkippen. Was hat da geknackt? Steht jemand hinterm Baum? Wie finde ich hier bloß jemals wieder heraus? Im Wald merken wir, dass wir uns der Natur manchmal ziemlich fremd fühlen.

BRIGITTE: Keine Eiche weit und breit, die sagt: Nach links und bei der vierten Wurzel rechts.

Gisa Klönne: Früher gehörte der Wald zu unserem Leben. Holz war die wichtigste Energiequelle, außerdem hat man dort Pilze gesammelt und Wild gejagt. Heute können wir die Bäume kaum benennen und sind orientierungslos.

BRIGITTE: Schlimmer: Ich fühle mich, selbst wenn kein Schwein guckt, immer beobachtet.

Gisa Klönne: Manche Baumstämme sehen ja auch aus, als hätten sie Gesichter. Wie Waldgeister. Man verliert den Überblick und fürchtet: Bestimmt lauert da hinten ein tollwütiger Fuchs. Vor allem in der Dämmerung. Oft funktioniert nicht mal das Handy. Wald und Unheil, das passt einfach gut zusammen.

BRIGITTE: Der Wald lacht sich einen Ast ab und denkt: Menschen sind Angsthasen.

Gisa Klönne: Die sich wunderbar in Fantasien reinsteigern können. Der Wald dagegen spricht nicht und denkt nicht, er tut einfach, wozu er da ist. Im Frühling aufblühen und im Herbst vergehen. Der schöne Geruch ist ja im Grunde nichts anderes als Verwesung. Nichts stirbt so lautlos und mit einer solch sinnlichen Ästhetik wie der Wald.

BRIGITTE: Hatten Sie vor Ihrem ersten Krimi DER WALD IST SCHWEIGEN schon grausame Erfahrungen mit Bäumen?

Gisa Klönne: Gar nicht. Meine Mutter ist mit mir als Säugling durch den Forst hinterm Haus gestiefelt. Auch später hatte ich als Kind nie Angst im Wald. Nur, wenn die Holzfäller kamen, habe ich geheult. Ich war allein in Lappland, Nord-Ontario und in russischen Wäldern unterwegs. Es ist unvergleichlich, in völliger Einsamkeit an einem Feuer zu sitzen. Aber wenn man allein ins Dunkel geht, weil man mal muss ... Solche Eindrücke regen meine Fantasie ganz schön an.

BRIGITTE: Ganz schön ist gut – in Ihrem zweiten Buch UNTER DEM EIS wird zuerst ein Ohr von einem Dackel und dann der Rest vom Hund im Wald gefunden. Warum ist gerade der Wald ein so perfekter Tatort?

Gisa Klönne: Menschen, die etwas verschwinden lassen wollen, tun das gern im Wald. Die einen lassen ihren Müll liegen und andere eben Leichen. Für meine Romane habe ich Rechtsmediziner gefragt, wie man als Mörder seine Opfer am sichersten beseitigt.

BRIGITTE: Das wüsste ich auch manchmal gern.

Gisa Klönne: Also: Wasserleichen halten sich im Sommer durchaus acht Wochen lang. Wenn Sie die Leiche dagegen offen im Wald liegen lassen, können sich Fliegen, Würmer, Wildschweine und andere daran bedienen, und nach ein paar Tagen sind kaum noch Spuren zu finden, die den Mörder überführen können.

BRIGITTE: Waldsterben.

Gisa Klönne: Genau. Und absolutes Stillschweigen.

BRIGITTE: Schweigt der Wald auch deshalb?

Gisa Klönne: Könnte sein.

BRIGITTE: Ist so ein Forst ein Ort für Frauen?

Gisa Klönne: Nun, auf der Rückseite der alten 50-Pfennnig-Münze war eine Frau dargestellt, die eine kleine Eiche pflanzt. Dieses Motiv wurde 1949 bewusst gewählt – zu Ehren der Frauen, die nach dem Krieg den zerstörten Wald wieder aufgeforstet haben.

BRIGITTE: Und was tun Männer im Wald?

Gisa Klönne: Alles, was Krach macht: Sägen und die Aufgaben als Förster oder Jäger. Heute können nach dem Studium auch Frauen als Revierförsterinnen mit Flinte und Hund losziehen.

BRIGITTE: Und die männlichen Kollegen freuen sich über die Gleichberechtigung.

Gisa Klönne: Nun ... eine Försterin hat mir erzählt, dass Sprüche nicht unüblich sind wie "Bei Eichen und Frauen erkennt man den wahren Wert erst im Liegen."

BRIGITTE: Und worauf kommt es wirklich an?

Gisa Klönne: Sie werden es nicht glauben: Man muss gut in Gummistiefeln laufen können. Das hat mir auch die Försterin erzählt. Weil sie eben stundenlang in Matsch und Modder unterwegs ist. Und natürlich darf man keine Angst vorm Schießen auf Tiere haben.

BRIGITTE: Wär das was für Sie?

Gisa Klönne: Auf Dauer nachts allein im Forsthaus sitzen, oder auf einem Hochsitz? Nein, da schreibe ich lieber. Waren Sie schon mal ganz allein im dunklen Wald?

BRIGITTE: Ich bin doch nicht verrückt.

Gisa Klönne: Eben. Das Schweigen um einen herum wirft uns auf uns selbst zurück, das muss man aushalten können. Das erfährt meine Kommissarin bei ihren Ermittlungen in der kanadischen Wildnis. Die Bäume wachsen in den Himmel und bilden eine Kuppel, fast wie in einer Kirche. Man wird ein bisschen andächtig, man bewegt sich leise, nichts lenkt einen ab. Und plötzlich fühlt man, was dieses schöne, altmodische Wort Erhabenheit bedeuten könnte.

BRIGITTE: Für eine, die sich prima Morde ausdenkt, sind Sie ganz schön romantisch.

Gisa Klönne: Ich glaube, wir werden immer besonders gefühlvoll, wenn wir eine Ahnung von Verlust haben. Unbewusst spürt doch jeder, dass der Wald mehr ist als ein netter Ort für die Erholung von müden Städtern. Und dass er sich eines Tages verabschieden könnte. Keine schöne Vorstellung.

INTERVIEW: REGINA KRAMER. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Brigitte Redaktion.