Fünf Fragen – fünf Antworten.
FRAGE: Zu Beginn Ihres Romans „Farben der Schuld“ ist Ihre Kommissarin Judith Krieger vom Dienst befreit, weil sie bei einem Einsatz getötet hat. Hat diese Ausgangsituation dazu geführt, dass Sie in diesem Buch die großen religiösen Fragen wie Glaube, Sinn und Schuld behandeln?
Gisa Klönne: Ja, für mich stehen am Anfang eines Romanstoffs immer die Figuren. Und meine Hauptfigur Judith, die ja per se eine fragile Persönlichkeit hat, ist natürlich besonders interessant. Sie ist in „Nacht ohne Schatten“ selbst beinahe umgebracht worden und hat in Notwehr getötet. Das ist eine sehr extreme Erfahrung, an der in der Realität gestandene Polizisten zerbrechen können, auch wenn sie theoretisch immer wissen, dass das Töten in letzter Konsequenz zu ihrem Beruf gehört.
Für Judith geht es in „Farben der Schuld“ also zunächst einmal um ihre Identität: Wer ist sie wirklich, wie macht sie weiter nach diesem Nahtoderlebnis? Hat sie noch das moralische Recht, in Mordfällen zu ermitteln, wenn sie selbst getötet hat? Damit ist sie dann bei den ganz existenziellen Fragen: Kann man unschuldig schuldig werden? Was ist der Sinn des Lebens? Warum lässt Gott – so es ihn denn gibt – das Böse zu? Hinzu kommt die ganz Unsicherheit, ob man ihr einen Fehler nachweist und sie dauerhaft vom Dienst suspendiert. In der Realität würde eine Polizistin in solch einer Situation mit einem Polizeiseelsorger oder Psychologen konfrontiert werden. Daraus hat sich dann die nächste Idee für diesen Roman ergeben: Wie wäre es, wenn dieser Seelsorger ein katholischer Priester ist – und wenn das Mordopfer ebenfalls ein katholischer Priester ist? So ist dann die Romanhandlung entstanden.
FRAGE: Eine wichtige Figur in „Farben der Schuld“ ist die 18jährige Bat, ein Gothic-Mädchen. Warum haben Sie gerade diese Jugendbewegung gewählt, ist sie eine Art Antireligion?
Gisa Klönne: Die Gothic-Szene ist sehr vielfältig, und sie hat natürlich eine starke, bildgewaltige Symbolik: die schwarze Kleidung, die Tattoos, die Piercings, die Punkfrisuren, die düstere Musik, die Vorliebe für Friedhöfe, Grablichter und Kerzen. Anhänger der Gothic-Szene sind nicht im kirchlichen Sinne religiös oder antireligiös, eher ist es so, dass sie mit religiösen Symbolen spielen. Und dahinter steckt wiederum die Suche nach einer Identität, nach Zugehörigkeit und natürlich letztendlich die Suche nach dem Sinn des Lebens. Der spielerische Umgang mit Tod und Sterblichkeit ist gewissermaßen ein Versuch damit klarzukommen, dass niemand die Frage mit Sicherheit beantworten kann, was nach dem Tod passiert. Das ist ein urmenschliches Thema und da ist im Roman dann wieder die Parallele zur Figur der Judith und zu dem Mordfall: Welchen Sinn hat das Leben, wenn Menschen, die ich liebe (und auch ich selbst) sterben? Und auch wenn eine Institution wie die katholische Kirche durchaus den Anspruch erhebt, die Antworten zu kennen – eigentlich sind sie doch immer spekulativ.
FRAGE: Wie lange haben Sie an „Farben der Schuld“ geschrieben? Wie entsteht ein Roman bei Ihnen?
Gisa Klönne: Etwa ein Jahr hat es gedauert. Nachdem ich die Grundidee entwickelt habe, fange ich an zu recherchieren. Das tue ich sehr umfassend, auch wenn ich im Roman dann nur einen Bruchteil des Materials verwende. Ich recherchiere im Internet, lese Fachbücher und suche Interviewpartner. Ich frage so lange, bis ich sicher bin, ein wirkliches Verständnis von den Welten bekommen zu haben, die ich für ein Romanprojekt erforsche. Erst dann kann ich meinen eigenen Ansatz dazu finden und diese Welten – mit fiktiven Figuren – so beschreiben, dass sie wahrhaftig erscheinen. Für „Farben der Schuld“ habe ich viel mit Theologen und Seelsorgern gesprochen. Nachdem die Grundidee stand, war mir sehr schnell klar, dass ein Handlungsstrang des Romans in der katholischen Telefonseelsorge spielen würde. Und dass das Beichtgeheimnis ein wichtiger Spannungsfaktor wird. Verbrechen werden gestanden – dürfen aber vom Seelsorger unter keinen Umständen verraten werden. Für einen Kriminalroman ist dies ein dramaturgischer Glücksfall! Ebenso faszinierend fand ich die Erkenntnis, dass Mitarbeiter der Telefonseelsorge lernen, enorm viel über den Hörsinn wahrzunehmen, beinahe so, als wären sie blind.
FRAGE: Haben Sie einen genauen Bauplan, wie Sie die Spur des Täters verwischen und zugleich andere, falsche Spuren legen?
Gisa Klönne: Ich bin eine Planerin beim Schreiben. Ich überlege mir vorab, was ich wann und aus welcher Perspektive erzähle. Ich kenne auch meinen Täter sehr genau und weiß, was meine Ermittler wann über ihn herausfinden, oder welche Figuren einen Informationsvorsprung vor den Ermittlern und Lesern haben. Die große Kunst und Schwierigkeit ist natürlich jedes Mal wieder, den Täter quasi von Anfang an im Buch auftreten zu lassen, ihn jedoch erst zum Ende hin zu verraten. In „Farben der Schuld“ habe ich noch eine zweite Erzähl- und Zeitebene eingefügt, um das Geschehen aus einer weiteren Perspektive zu beleuchten: Am Anfang jedes der fünf Buchteile steht ein kurzes Zitat aus dem biblischen Buch Hiob sowie ein Kursivkapitel, das thematisch zu diesem Zitat passt. Hadern mit Gott, dessen Willen wir nicht verstehen, wenn uns ein Leid geschieht, kann man unschuldig schuldig werden – darum geht es im Buch Hiob letztendlich. Und das war natürlich absolut stimmig für diesen Roman.
FRAGE: Was genau sind eigentlich die „Farben der Schuld“?
Gisa Klönne: Man könnte auch Schattierungen oder Facetten von Schuld sagen. Es gibt in diesem Roman kein Schwarz-Weiß. Jeder muss sich fragen: Was ist eigentlich Schuld? Würde ich in einer bestimmten Situation genauso handeln oder anders? Ich wollte die Eindeutigkeit aufweichen und nicht einfach nach den Guten und den Bösen sortieren. Es ist das Wechselspiel, das mich interessierte. Auch Judith muss sich fragen: Bin ich schuldig oder nicht? Kann ich einen Beruf ausüben, der von mir in letzter Konsequenz sogar verlangt, dass ich töten muss? Will ich das überhaupt?

