"Gisa Klönne entwickelt Charaktere von beklemmender Authentizität. Eine fesselnde Lektüre."

Hamburger Abendblatt

Interview

Mord und Totschlag als Alltagsgeschäft. Darüber diskutierte Krimiautorin Gisa Klönne auf Einladung des evangelischen Magazins CHRISMON mit dem Leiter der Berliner Rechtsmedizin, Professor Dr. Michael Tsokos. Eine Begegnung in Auszügen. Moderation: Nils Husmann und Ursula Ott.

CHRISMON: Es ist Advent, die Menschen zünden Kerzen an, und Sie, Herr Tsokos, schneiden Leichen auf. Wie halten Sie das aus?

Michael Tsokos: Es macht für mich keinen Unterschied, ob Weihnachten vor der Tür steht oder Ostern. Gestorben wird immer.

Gisa Klönne:Mein allererstes Buch war eine Anthologie mit Weihnachtskrimis, das ist ein Bestseller. Das liegt sicher daran, dass sich so viele Hoffnungen auf das Fest der Liebe richten. Alle wünschen sich Weihnachten kuschelig, aber je höher die Erwartungen sind, desto schneller geht es schief. Und die größten Abgründe offenbaren sich oft innerhalb der Familie. (...)

CHRISMON: Sie haben beide mit solchen Abgründen des Lebens zu tun. Glauben Sie noch an das Gute im Menschen?

Michael Tsokos: Auf jeden Fall, sonst könnte ich den Job nicht machen.

Gisa Klönne:Manchmal fällt mir das schwer, zum Beispiel wenn ich sehr tief in den Recherchen zu einem Buch stecke, also vor allem die Schattenseiten betrachte. Aber zum Glück wird ja nicht jeder zum Mörder.

CHRISMON: Glauben Sie an Gott?

Tsokos: Nein, zumindest nicht an den von der evangelischen und katholischen Kirche. Tödliche Unfälle von Kindern, weil mal einer eine Sekunde nicht aufgepasst hat - das passt nicht zu dem, was mir im Konfirmationsunterricht erzählt worden ist. (...)

Gisa Klönne: Mein Großvater war evangelischer Pastor. Mich hat die Kirche in Ostdeutschland geprägt, dort hat mein Großvater gelebt, dort war die Kirche ein Ort der Menschlichkeit, des Widerstands. Hier stehe ich und kann nicht anders, ich muss jetzt einfach sagen, was schiefläuft - das hat mir imponiert. Deswegen würde ich auch nie austreten.

CHRISMON: Und darum haben Sie gleich einen ganzen Kriminalroman im Kirchenmilieu spielen lassen?

Gisa Klönne: In "Farben der Schuld" geht es um Morde an katholischen Priestern, das Beichtgeheimnis und um Regeln wie den Zölibat - da tun sich natürlich noch ganz andere Abgründe auf. Aber am Anfang stand für mich meine Hauptfigur, die Kommissarin Judith Krieger. Sie hat im Dienst getötet, und obwohl das Notwehr war, wird sie mit ihrer Schuld nicht fertig. Hat sie noch das moralische Recht, Mordermittlerin zu sein? Damit war ich mittendrin in der Frage von Gut und Böse. Kann man unschuldig schuldig werden, was ist Schuld, gibt es Vergebung?

CHRISMON: Was fasziniert Sie an düsteren Themen?

Gisa Klönne: Weniger das blutige Detail einer Tat, sondern das Davor und Danach. Mord ist in meinen Büchern immer der Ausgangspunkt dafür, dass die Figuren sich infrage stellen müssen und mit ihrer eigenen Sterblichkeit konfrontiert werden. Letztendlich also mit dem "Warum lebe ich?" und "Was kommt danach?".

Tsokos: Nichts. Wir haben ein Leben und nur diese eine Chance, etwas daraus zu machen. Dann kommt die Leichenfäulnis. (...)

CHRISMON: Und die Nahtoderfahrungen, die Erzählungen vom Licht?

Tsokos: Das sind Endorphine und Transmittersubstanzen. Diese Lichter sind nichts als Neuronen, die verrückt spielen.

Gisa Klönne: Glaub ich nicht. Da ist noch was! Ich habe zwei Mal erlebt, dass sich Menschen im Traum von mir verabschieden. Später erfuhr ich, dass die wirklich in dieser Nacht gestorben waren. (...)

CHRISMON: Warum sind Rechtsmediziner in Krimis kauzige Typen?

Gisa Klönne: In meinen Büchern sind die nicht kauzig.

Tsokos: Ich bin doch auch nicht kauzig!

Gisa Klönne: Mein Rechtsmediziner hat gute Laune, ist dem Leben zugewandt, trinkt auch mal ein Glas Wein. Es ist so: Kriminalromane faszinieren, weil sie den Tod thematisieren, den wir ja alle gern, so gut es geht, verdrängen. Und selbst, wenn es ernst wird: Wer bahrt schon einen Toten zu Hause auf?

Tsokos: Als meine Oma starb, bin ich sofort los, um sie noch zu sehen, in ihrer Wohnung, in ihrem Bett - und nicht in einem plüschigen Leichenhemd im Sarg. (...)

Gisa Klönne: Rechtsmediziner gucken eben genauer hin. Und im Roman kann man Menschen, die mit dem Tod arbeiten, quasi über die Schulter gucken, aber wohldosiert - und ohne Gerüche ...

Tsokos: Und ohne kreischende Säge, die den Kopf aufmacht. Deswegen werden wir so kauzig dargestellt. Niemand kann sich vorstellen, dass wir normal bleiben. Aber ich hab keinen Tick und muss nicht aufs Klo, um einen Flachmann zu trinken.

Gisa Klönne: Na ja, aber ganz folgenlos bleibt der Beruf für die Kommissare, mit denen ich spreche, nicht. Die Konfrontation mit Gewalt, Tod und dem Leid der Angehörigen hinterlässt Spuren. (...)

CHRISMON: Bevor wir alle die Hoffnung verlieren: Gibt es Erzählungen, die Ihnen Hoffnung geben?

Gisa Klönne: Jedes ernsthafte Buch über die Liebe. Auch am Ende meiner Bücher gibt es Hoffnung durch ein gewisses Maß an Gerechtigkeit. Momentan plane ich einen Roman über die Kriegstraumata von Kindern in der Nazizeit, die bis heute nachwirken, auch bei den Enkeln. Aber Heilung ist möglich: Wenn man die Erinnerungen zulässt, kann aus Leid etwas Neues entstehen. Wie diese Haltung in Deutschland, dass es nie wieder Krieg geben darf. (...)

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Auszugsweise Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der CHRISMON-Redaktion. Das vollständige Interview im evangelischen Magazin CHRISMON (12 / 2009): »www.chrismon.de

Fotoshooting in Berlin:
Gisa Klönne und Michael Tsokos mit Fotografin Silke Weinsheimer.