„Schlafende Schwäne gleiten über das Wasser wie Träume. Sie hält inne, sieht ihnen zu.“

NACHT OHNE SCHATTEN

Notizbuch Eintrag 24. Januar 2012

Annäherungen

Eine Zufallsbegegnung, ein erster Blick, ein paar Sätze Smalltalk, die unversehens in ein echtes Gespräch münden ... So oder so ähnlich kann im richtigen Leben eine Beziehung beginnen – sehr viel absichtsloser, als beim Erfinden einer neuen Figur für einen Roman. Man schaut sich an, redet, hört zu. Aussehen, Auftreten, Mimik, Gestik, Ausdrucksweise, Intonation, Bildung, all das nimmt man dabei an seinem Gegenüber wahr. Ist er albern oder ernst, ein Draufgänger oder schüchtern. Sensibel? Nachdenklich? Humorvoll? Originell? Irgendwann hat man sich dann sein Urteil gebildet. Und so man sich denn mag, wird eine Freundschaft daraus, oder gar leidenschaftliche Liebe. Man beginnt miteinander zu leben.

Mit meinen literarischen Hauptfiguren lebe ich auch. Wenn ich einen Roman schreibe, verbringe ich mit ihnen sogar deutlich mehr Zeit als mit meinem Ehemann oder FreundInnen. Doch bis es soweit ist und eine Figur mich durch Tage und Nächte begleitet, muss ich sie erst einmal erfinden. Dies ist gewissermaßen auch ein Kennenlernen. Doch anders als im richtigen Leben, bin ich dabei ausschließlich auf meine Fantasie angewiesen.

Da sitze ich dann also und überlege mir Name, Alter, Aussehen und Eigenschaften und erfinde – nach und nach – eine ganze Biografie. Welche Rolle spielt diese Figur im Roman? Welche Freunde und Feinde hat sie? Welche Ziele, welche Träume? Was will sie auf gar keinen Fall von sich preisgeben, was ist ihr dunkelstes Geheimnis, ihre größte Angst, ihr wunder Punkt? Was isst sie gern, was hasst sie? Für Außenstehende mag es ein bisschen seltsam erscheinen, aber tatsächlich trete ich beim Erfinden all dieser Details regelrecht in einen inneren Dialog mit dieser Figur.

Irgendwann verfüge ich dann über einen recht detaillierten Steckbrief. Aber all das ist noch nicht genug, oder – anders gesagt – dieser Steckbrief ist nur der erste Schritt. Denn die wahre Annäherung erfolgt erst beim Schreiben. Indem ich meiner neu erfundenen Figur eine Sprache gebe, sie Dinge auf ihre ganz eigene Art aussprechen, also erzählen lasse. Würde sie das so sagen, frage ich mich bei jedem Satz? Oder ganz anders?

Eine schrittweise Annäherung ist das. Ein satz-, oft sogar wortweises Herantasten. Ich probiere aus und verwerfe. Ich entwickle den Erzählton, den Duktus, das Vokabular. Ich suche solange, bis ich die für diese Figur stimmige Ausdrucksweise gefunden habe. Worte und Sätze, die sie unverkennbar machen. Einzigartig. Zur Persönlichkeit.

Das kann Tage, ja oft sogar Wochen in Anspruch nehmen. Das kann ziemlich anstrengend werden. Und dann, irgendwann, ist es da, dieses Glücksgefühl: Ja, jetzt kenne ich diese neue Figur gut genug. Jetzt habe ich ihre Stimme gefunden. Jetzt beginnt sie zu leben. Und erst wenn das gelungen ist, beginnt für mich das eigentliche Erzählen. Ein neues Abenteuer. Ein neues Buch.

PS: Wie die neue Hauptfigur in meinem neuen Roman heißt und wer sie ist? Nein, das verrate ich Ihnen noch nicht. Das bleibt einstweilen noch mein Geheimnis. Aber ich werde sie Ihnen vorzustellen, wenn die Zeit dafür gekommen ist. Hier an dieser Stelle. Versprochen.