„Schlafende Schwäne gleiten über das Wasser wie Träume. Sie hält inne, sieht ihnen zu.“

NACHT OHNE SCHATTEN

Notizbuch Eintrag 24. März 2009

Mädchenmord

Kann Frauenhass ein Mordmotiv sein? In meinem Roman NACHT OHNE SCHATTEN, aktuell als bester Kriminalroman 2009 für den Friedrich-Glauser-Preis nominiert, ist Kommissarin Judith Krieger davon überzeugt. Allerdings steht sie mit dieser Sichtweise bei den Ermittlungen zunächst ziemlich alleine da. Sie sei da wohl nicht ganz neutral, finden ihre Kollegen und ihr Chef. Zu pessimistisch. Zu verbohrt. Eine Emanze halt.

Ähnlich einsam wie Judith fühlte ich mich, während ich in den letzten Wochen die Berichterstattung über den entsetzlichen Amoklauf von Winnenden in den Medien verfolgte. Da hat ein junger Mann in seiner ehemaligen Schule acht Schülerinnen, drei Lehrerinnen und einen Schüler erschossen – doch fast immer ist nur geschlechtsneutral von „Opfern“ die Rede. Aber die überwiegende Anzahl der Opfer des Amoklaufs von Winnenden war weiblich. Selbst wenn man noch die drei Männer hinzurechnet, die der Täter auf seiner Flucht tötete, ändert das nichts.

Den Vogel in der Berichterstattung schoss übrigens die FAZ ab. Diese Zeitung, die es in keinem ihrer Artikel versäumt, sogar eine Persönlichkeit wie die Bundeskanzlerin als „Frau Merkel“ zu titulieren (und zugleich noch niemals von einem „Herrn Schröder“ schrieb). Diese FAZ also berichtete in Sachen Winnenden konsequent nur von „Schülern“ und „Opfern“ – wie übrigens sehr bald fast alle anderen Medien auch.

Grammatikalisch ist das ja durchaus korrekt, so funktioniert die deutsche Sprache nun mal. Ein einziger Mann in einer Frauengruppe macht diese Gruppe sofort zum grammatischen Maskulinum. Wenn man jedoch anfängt, über das Motiv des Täters nachzudenken, über das ja viel spekuliert wird, dann ist die Nicht-Benennung des Geschlechts der Opfer aus meiner Sicht fahrlässig.

Warum bringt ein junger Mann in seiner ehemaligen Schule acht Mädchen und drei Lehrerinnen um? Gab es an dieser Schule keine Jungs und Lehrer, liegt es daran? So war es wohl nicht. Andere Details wurden bald veröffentlicht. Der Täter habe keine Freundin gehabt, wohl aber eine Schwester im Alter der Opfer. Sie geht aufs Gymnasium, er hingegen hatte es nur auf die Realschule geschafft. In seinem Computer wurden ein paar Gewaltspiele und Pornos gefunden, die meisten davon so genannte Bondage-Pornos. Pornos also, die im härtesten Fall zeigen, wie gefesselte und völlig wehrlose Frauen auf brutalste Weise vergewaltigt und gefoltert werden. Wörtlich übersetzt bedeutet „Bondage“ Sklaverei.

Was folgte daraus? Für einen 17jährigen jungen Mann sei der Besitz solcher Pornos heute normal, wurde aus Ermittlerkreisen zitiert. Und darauf folgte: Nichts. Schweigen. Weiteres Rätselraten über das Motiv.

Man stelle sich nur vor, derselbe weiße, deutsche Täter hätte in seiner früheren Schule nur Kinder und LehrerInnen mit Migrationshintergrund erschossen. Und dann hätte man in seinem Computer ein paar Hinweise auf Sympathien zur rechten Szene gefunden. Der Aufschrei – wage ich zu behaupten – wäre gigantisch gewesen. Die Betroffenheit unendlich. Denn Fremdenhass wird sehr wohl – und völlig zurecht – als Mordmotiv anerkannt. Doch Frauenhass? Den drängen auch viele Frauen lieber beiseite. Vielleicht weil er einfach zu bedrohlich ist.