Notizbuch Eintrag 01. September 2009
Demokratie
„Deutsche Krimis sind langweilig.“ Dieses Vorurteil beginnt seit einigen Jahren zu schwinden. Zum Glück. Deutschsprachige Kriminalliteratur wird immer vielfältiger. Und erfolgreicher. Doch in Ländern wie England, Frankreich und den USA gibt es eine viel ältere Krimi-Tradition. Dort ermittelten Miss Marple, Hercule Poirot, Sherlock Holmes, Maigret und Philipp Marlowe bereits ab den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts. Warum also sind wir deutschsprachigen KrimiautorInnen mit so großer Verspätung gestartet?
Dafür gibt es sicher mehrere Gründe, doch der wichtigste lautet meiner Meinung nach: Kriminalliteratur benötigt Demokratie. Und genau dies wurde mir im Juli in Madrid bestätigt, wo ich AGUAS HELADAS, die spanische Übersetzung von UNTER DEM EIS, präsentieren durfte.
Mein spanischer Verlag Maeva hatte mich eingeladen und neben der eigentlichen Buchvorstellung (inklusive einer Theatergruppe, die Szenen aus meinem Roman improvisierte!) auch eine lange Reihe von Presseinterviews für mich organisiert. Das hat großen Spaß gemacht, und die JournalistInnen versicherten immer wieder, dass Krimis in Spanien erst seit einigen Jahren populär würden. Als nächstes wollten sie dann von mir wissen, ob ich dafür eine Erklärung hätte – und wie das denn in Deutschland sei?
Kriminalliteratur braucht Demokratie, sagte ich also. Es ist schlicht nicht denkbar, dass SchriftstellerInnen im Nationalsozialismus Spaß daran gefunden hätten, literarische Helden zu erschaffen, die als Angehörige der Polizei dem Staatsapparat dienten, ja diesen repräsentierten. Solche Ermittlerfiguren hätte ja nichts anderes sein dürfen, als Vollstreckungsorgane von Hitlers menschenverachtender Politik. Kein bisschen Individualität, Kritik oder anarchisches Potential hätte es durch die Zensur geschafft. Und wer möchte Romane über solch traurige Antihelden schreiben oder gar lesen?
Ja, stimmten mir die spanischen Journalisten bei. Genau! Das könnten sie absolut nachvollziehen. Genau dies erkläre auch die späte Hinwendung zur Kriminalliteratur in Spanien. Erst galt es, die Franco-Diktatur zu überwinden. Und ihre Nachwehen. Erst musste man darauf zu vertrauen lernen, nun in einem Rechtsstaat zu leben. Und so etwas dauert. Nicht Tage, nicht Jahre, sondern Jahrzehnte. In Spanien wie in Deutschland und anderswo.
Nur in einer gewachsenen Demokratie also ist es möglich, Polizeiermittler zu erschaffen, die als literarische Helden taugen, weil der Staat – und somit auch sie - nun für Gerechtigkeit steht (nun ja, nicht immer zu 100 Prozent vielleicht, aber doch was die Grundwerte angeht). Nur aus der Sicherheit einer Demokratie heraus kann man Ermittler erfinden, die gegen das politische System, in dem sie leben, aufbegehren oder dieses doch zumindest kritisch sehen. Und aus dieser Distanz heraus kann man sogar überzeugende Ermittler in eine Diktatur zurückversetzen. Volker Kutscher tut dies, indem er seine Romanserie um den Kommissar Gereon Rath in der Weimarer Republik beginnen lässt und bis in den Nationalsozialismus hinein fortzuführen plant. Auch Robert Harris hat in seinem Roman „Vaterland“ einen den fiktiven Nationalsozialisten trotzenden Kommissar erfunden. Doch am Ende wird dieser Kommissar von den eigenen Kollegen vernichtet, was vom System einer Diktatur aus gesehen zwingend logisch ist.
