Notizbuch Eintrag 21. Februar 2010
Originalität
Seit einigen Wochen macht in den Medien und auf den Bestsellerlisten das Buchdebüt einer Autorin Furore, die gerade erst volljährig geworden ist. Als „Wunderkind“ wurde sie allenthalben in den Himmel gelobt. Dann jedoch kam heraus: Nicht alle Sätze und Ideen in ihrem Roman stammen auch tatsächlich von ihr. Ja, klar, gab sie unbekümmert zu. Sie habe sich halt – auch qua mangelnder eigener Lebenserfahrung – einfach überall bedient, wo sie was gebrauchen konnte, um ihr Buch zu schreiben. Das sei gar nicht böse gemeint, so arbeite man halt heute im Internetzeitalter. Und von diesen ganzen „Urheberrechtsexzessen“ halte sie nichts.
Sich „einfach bedienen“ bei den Büchern, Texten, Ideen anderer – bei mir, wie bei vielen Kolleginnen und Kollegen, mit denen ich in den letzten Wochen gesprochen habe - löst diese Haltung blankes Entsetzen aus. Denn schließlich: Nur deshalb, weil eben nicht einfach jeder die Sätze anderer klauen und beliebig verwenden darf, sind Bücher in Stil und Inhalt individuell. Und von diesem künstlerisch-ästhetischen Aspekt einmal abgesehen: Urheberrechte sind in Deutschland gesetzlich geschützt. Wären sie das nicht, verlöre ich, wie alle anderen Kunstschaffenden auch, die Möglichkeit, vom Verkauf meiner Werke zu leben - und also die Grundlage meiner wirtschaftlichen Existenz.
Natürlich: Niemand, auch kein Schriftsteller, agiert im leeren Raum. Lebenserfahrung trägt dazu bei, Dinge differenziert zu sehen und zu beschreiben zu können. Man liest, recherchiert, nimmt vieles auch unbewusst auf. Texte bedingen einander auch, ermöglichen sich erst, jeder Stil, jedes Thema ist auch das Produkt seiner Zeit und des gesellschaftlichen Kontexts, in dem es erscheint.
Dennoch, davon bin ich überzeugt: Literatur verdient ihren Namen nur dann, wenn sie etwas ganz eigenes schafft. Originalität gehört zwingend dazu. Authentizität. Recherche, ja. Aber aus dieser Recherche muss dann etwas Neues erwachsen: Eine erfundene und in einem unverkennbar eigenen Stil beschriebene fiktive Welt.
Manchmal steht bei einer meiner Lesungen jemand vor mir, sieht mich sinnend an und sagt etwas wie: „Sie brauchen sicher viel Fantasie, um Ihre Bücher zu schreiben ...“ Oder: „Was Sie sich so alles ausdenken – das könnte ich nie.“ - Mögen solche Sätze auch etwas simpel klingen, im Kern formulieren sie sehr genau, was Leser und Leserinnen von Literatur erhoffen und was sie daran begeistert und fasziniert: Die Einzigartigkeit nämlich. Die Individualität. Die Ahnung: Da hat sich jemand sehr viel Arbeit gemacht, etwas wirklich Neues zu erschaffen.
Wer Literatur liebt, will das Original, nicht die Kopie. Das beruhigt mich in diesen Wochen sehr.
