Notizbuch05. Februar 2013

Vom Glück des Lehrens

Vor ein paar Tagen brachte der Postbote mir einen großen Briefumschlag aus München. Darin steckten ein sauber gebundenes Spiralbuch, eine hübsche Karte und zwei in Geschenkpapier verpackte Stifte. Meine derzeitige Mentée hat es geschafft: Ihr erster Kriminalroman ist vollendet.

Ein großer Moment ist das, ein Meilenstein im Leben einer Autorin. Heiß herbeigesehnt und doch immer wieder in scheinbar unerreichbarer Ferne. Ich weiß noch genau, wie froh und stolz ich selbst gewesen bin, als ich im September 2004 die letzte Zeile meines Erstlings, DER WALD IST SCHWEIGEN, geschrieben hatte. Stolz und erleichtert und ein wenig ungläubig. Abends haben wir im Garten Lagerfeuer gemacht und Nachbarn und Freunde spontan zu Sekt und Pizza eingeladen.

Eine Mentorin hatte ich damals nicht, und Seminare, in denen die Praxis des Romanschreibens so vermittelt wurde, wie ich mir das gewünscht hätte, habe ich nicht gefunden. Auch stieß mein Traum vom Romanschreiben durchaus nicht überall auf Unterstützung. Sollte ich als Schriftstellerin je Erfolg haben, werde ich jüngeren KollegInnen helfen, schwor ich mir damals. So wie ich es zuvor schon als Journalistin getan hatte und nun seit einigen Jahren in meinen Schreibseminaren für Autoren und eben als Mentorin tatsächlich tue.

Anderthalb Jahre lang habe ich meine aktuelle Mentée beim Verfassen ihres Debüts begleitet. Wir haben telefoniert und gemailt. Die Papierstapel wuchsen. Weil mich der poetische Stil ihrer Textprobe, mit der sie sich beim Mentoring-Programm der MÖRDERISCHEN SCHWESTERN beworben hatte, überzeugte, hatte ich mich für sie entschieden. Und so ist es geblieben, ihr Stil begeistert mich noch immer. Also haben wir nicht an der Sprache gearbeitet, sondern am Plot und am Spannungsaufbau. Sie hat, inspiriert von meinen Anregungen, eine weitere Figur erfunden, die sie ursprünglich gar nicht geplant hatte und dann sehr schnell lieben lernte, weil diese die eher düster-melancholische Stimmung des Romans auf genau richtige Weise aufhellt, ohne je klischeehaft zu wirken oder dem Thema – Kindesmissbrauch – die Ernsthaftigkeit zu nehmen.

Mentoring ist ein etwas ungelenkes Wort für eine, wie ich finde, dennoch zutiefst sinnvolle Tätigkeit. Natürlich bedeutet das für mich – genau wie jedes Seminar – zunächst einmal Arbeit. Aber zugleich profitiere ich davon, mich intensiv mit den Texten anderer auseinanderzusetzen. Es schärft meinen Blick auch für mein eigenes Schreiben. Schließlich muss ich als Lehrende ja exakt ergründen und benennen können, warum ein Text funktioniert, ja gar berührt. Oder was man verändern muss, falls er das nicht tun.

Jetzt also ist ein weiteres Manuskript vollendet und ich erfreue mich jeden Abend an seiner Lektüre. Ein gutes Gefühl ist das, am Entstehen und Erfolg fremder Bücher ein wenig Anteil zu haben. Denn ich bin überzeugt: So wie ihre Vorgängerin und einige meiner ehemaligen Seminarteilnehmer wird sich auch meine aktuelle Mentée auf dem Buchmarkt behaupten.