Randnotizen18. Mai 2014

Nicht mehr lieferbar

Eigentlich wollte ich an dieser Stelle mal wieder ein Loblied auf Buchhandlungen singen. Auf ihr Sortiment, ihre Beratung, ihr Engagement für die Vielfalt der Buchkultur und auf all diese kleinen, feinen Momente am Rande von Lesungen, in denen ich, wie in der Buchhandlung Lesezeichen in Werther, hinter den Kulissen auf ein Schild mit dem köstlichen Hinweis auf „freilaufende Buchhändlerinnen“ stoße.

Aber aus dem Loblied wird heute nichts. Mir ist gerade eher nach Abgesang auf meinen Beruf zumute. Nicht wegen der unabhängigen Buchhandlungen, ganz bestimmt nicht. Sondern – einmal mehr – wegen Amazon. Seit Tagen schon sind meine Romane dort nur noch mit großer Zeitverzögerung lieferbar und werden gnadenlos aus den Empfehlungslisten des Konzerns getilgt. Genauso wie die Bücher fast aller anderen deutschen Autorinnen und Autoren, die bei den Verlagen des Bonnier-Konzerns erscheinen, zu denen in Deutschland z.B. Ullstein, Piper und Carlsen gehören.

Warum? Haben diese Verlage etwa keine Bücher mehr nachgedruckt, Rechnungen nicht bezahlt oder sich sonst etwas zu Schulden kommen lassen? Mitnichten. Es geht um Profitgier: Amazon möchte im e-Book-Geschäft höhere Rabatte durchsetzen. Nicht wie derzeit 30 Prozent, sondern gleich bis zu 50 Prozent soll Bonnier pro verkauftem Buch gewähren. Und weil Bonnier dem nicht klaglos zustimmt, blockiert Amazon die Verkäufe – ganz egal, was die Kunden vielleicht gern hätten. Soviel – nebenbei bemerkt - zur Objektivität der Amazon-Bestsellerlisten und Empfehlungen.

Es geht um Preisdumping, zunächst einmal. Räumen die Verlage dem Internetgiganten immer höhere Rabatte ein, sinkt der Gewinn des Verlags – und in der Folge muss früher oder später die Honorierung von uns Autoren ebenfalls sinken. Es geht aber auch darum, schleichend die Buchpreisbindung zu unterwandern und Verlage und den klassischen Buchhandel auszustechen. Denn zugleich umwirbt Amazon uns Autoren mit viel höheren Gewinnbeteiligungen, als sie ein herkömmlicher Buchverlag zahlen kann, unsere e-Books ohne Buchverlag direkt bei Amazon-Publishing zu veröffentlichen (natürlich exklusiv für einen Kindle, dem hauseigenen Amazon-E-Book-Reader, der - im Gegensatz zu anderen E-Readern - Bücher ausschließlich von Amazon downloaden kann).

Ein durchsichtiges Manöver. Denn sollte es Amazon tatsächlich je gelingen, den e-Book-Markt in Gänze an sich zu reißen, darf man nicht ernsthaft auch weiterhin auf großzügige Honorierungen hoffen ...

Doch es geht um mehr als um Geld. Es geht um die Dominanz auf dem Buchmarkt. Es geht darum, wer in Zukunft die Konditionen diktiert, unter denen Bücher geschrieben und verkauft werden. Es wird bald auch um Inhalte gehen – schon jetzt erfassen e-Book-Reader ja das Leseverhalten. Es wird nicht lange dauern, bis sich daraus Forderungen an uns Autoren ergeben. („Bei Szene XX haben 80 Prozent der Leser eine Pause gemacht – das war offenbar langweilig. Vermeide solche Szene bitte in Zukunft ...“)

Es geht um die stromlinienförmige Ausrichtung des Literaturmarkts auf die immer gleichen, von Algorithmen ermittelten und multiplizierten Besteller.

Zeit für Recherche? Zum Denken? Zum Experimentieren? Zum Innehalten? Eine eigene, womöglich unbequeme Stimme? Welcher Autor kann sich das noch leisten, wenn immer schneller und billiger produziert werden muss? „Vorwärts in die totalitäre E-Welt“ hat die FAZ einen Bericht zum aktuellen Amazon-Muskelspiel übertitelt. Ich würde so gerne glauben, dass es soweit nicht kommen wird. Dass es immer noch „glückliche freilaufende Buchhändlerinnen“ geben wird. Literarische Vielfalt. Und Leser, die das goutieren und wünschen und dafür bezahlen, statt sich von den Kindle-Schnäppchen blenden zu lassen. Doch die reale Entwicklung lässt mich derzeit schwarz sehen. Und obwohl ich durch die aktuelle Amazon-Blockade Verluste erleide, hoffe ich, dass meine Verlage (die ebenfalls und ungleich höhere finanzielle Einbußen erleiden) in diesem Verhandlungspoker hart bleiben.