„Schlafende Schwäne gleiten über das Wasser wie Träume. Sie hält inne, sieht ihnen zu.“

NACHT OHNE SCHATTEN

Notizbuch Eintrag 23. Juni 2008

Die Muse

Es gibt ja gar nicht so wenige Menschen, die annehmen, ein wesentlicher Faktor, der zum Entstehen eines Romans oder einer Kurzgeschichte beiträgt, sei die Muse. Wirklich konkret beschreiben kann diese Dame zwar kaum jemand, doch die Vorstellungen von ihrem Wirken gleichen sich. Im Kern geht es immer darum, dass die Schriftstellerin ihr Tagewerk gelassen angehen kann, weil ja irgendwann - quasi aus dem Nichts - die Muse heranschwebt und eine Art kreatives Füllhorn über ihr entleert. Die Schriftstellerin muss also nur noch an ihren Computer schreiten und all die schönen, auf sie herunterpurzelnden Ideen notieren.

Tatsächlich ist das eine sehr schöne Vorstellung. So schön, dass ich im April während des Krimifestivals Criminale in Wien mit ein paar Kolleginnen geradezu andächtig vor einem Gemälde von Vermeer aus dem Jahr 1665 innehielt. „Die Malkunst“ hat es der Künstler genannt und darauf sich selbst in seinem Atelier verewigt, samt einer schönen, blonden, blau gewandeten jungen Frau, die ihm Modell steht und musiziert. Man könne diese Frau durchaus als Vermeers Interpretation der Muse verstehen, erklärte uns unsere kunsthistorisch bewanderte Kollegin Alexandra Guggenheim.

Da standen wir also und stellten uns vor, wie angenehm das Schreiben mit so einer Muse wohl wäre. Schade eigentlich, dass das in Wirklichkeit nicht funktioniert.