„Schlafende Schwäne gleiten über das Wasser wie Träume. Sie hält inne, sieht ihnen zu.“

NACHT OHNE SCHATTEN

Notizbuch Eintrag 03. Dezember 2009

Stille

Stille ist ein hohes Gut. Wie kostbar sie mir ist, merke ich vor allem dann, wenn sie nicht vorhanden ist. Mag schon sein, dass ich empfindlicher auf Lärm reagiere, als viele andere Menschen. Schließlich verbringe ich, solange ich ein Buch schreibe, Monat um Monat viele Stunden pro Tag allein in meinem Arbeitszimmer. Nichts, was ich nicht hören will, stört mich dort. Ich kann mich konzentrieren. Ich genieße sogar das Privileg - obwohl mitten in der Stadt - im Sommer mit offenem Fenster arbeiten zu können, ohne dass Verkehrslärm meine Ruhe trübt.

Bin ich dann, wie in den letzten beiden Monaten, mit einem neuen Buch auf Lesereise, wird mir sehr schnell bewusst, wie wenig Ruhe es außerhalb meines Arbeitszimmers gibt. Kaum bin ich unterwegs, besteht eine der größten Herausforderungen darin, Orte der Stille zu finden. Im Zug fängt das an: Lautstarke Gespräche und Telefonate, scheppernde Bässe aus MP3-Playern, Durchsagen die ich nicht hören will ... Selbst ein Hotelzimmer „nach hinten raus“ ist nicht ohne Tücken, zumal wenn darin eine Klimaanlage brummt, die man nicht ausschalten darf, so man ein bisschen Frischluft bekommen will.

Und dann die Hotelbars und Frühstücksräume, Cafés und Restaurants, in denen ich mich unterwegs nun mal aufhalten muss: Nirgendwo geht es mehr ohne Musik. Nein, präziser gesagt: ohne Beschallung. Schlimmstenfalls ist ein Radiosender dauereingestellt, dessen immergleiches Hitgedudel in kurzen Abständen von hysterisch blökenden Werbespots, Verkehrsfunk und überdrehten Moderatorenwitzeleien unterbrochen wird. Kaum besser sind Synthesizer-Bar-Lounge-Sounds, Panflötengesäusel oder (ab November) die Weihnachtssampler. Oft kann man dieser akustischen Belästigung nicht einmal mehr auf dem WC entkommen, denn auch dort sind Boxen installiert.

„Könnten Sie das bitte etwas leiser drehen? Oder sogar ausschalten?“ Manchmal frage ich das, oft sogar mit Erfolg - und merke an den erstaunten Blicken, wie selten eine solche Bitte wohl geäußert wird. Und dann herrscht plötzlich Ruhe und ich lehne mich zurück, entspanne mich, atme durch. Merke, wie meine Gedanken wieder fließen. Wie sie weitere Bögen spannen, mehr in die Tiefe reichen können. Weil ein Teil meines Hirns nicht mehr damit beschäftigt ist, den Lärm wegzudrücken.

Und dann gibt es diese Momente tatsächlicher Stille. Wie gestern in Schloss Kaarz in Mecklenburg, der letzten Station meiner Lesereise in diesem Jahr. Ein altes, wunderbar zum Hotel saniertes Schloss. Hohe Räume. Keine Musikberieselung im Frühstücksraum. Keine Klimaanlage. Ein großer Park mit Jahrhunderte alten Bäumen drum herum stattdessen. Wälder. Wiesen. Stille, die lediglich von ein paar Wildtierrufen unterbrochen wird.

Stundenlang lief ich allein durch Wald und Felder. Saß nachts noch lange am Fenster, trank Wein, blickte auf den mondbeschienenen Park, ließ seine majestätische Ruhe auf mich wirken. Ich konnte richtig fühlen, wie ich auftankte dort. Wie ich mich zu freuen begann auf die Monate des Zurückgezogenseins und des Schreibens, die nun wieder vor mir liegen. Ja, wirklich: Stille ist ein kostbares Gut.