Notizbuch Eintrag 14. Januar 2010
Der Anfang
Der Anfang eines Buchs offenbart seinen Ton und seine Sprache. Er gibt die Stimmung vor (oder lässt sie zumindest schon anklingen), die für dieses Buch charakteristisch ist. Und natürlich muss ein gelungener Buchanfang fesseln, verblüffen, überraschen, anrühren, neugierig machen. Kurz gesagt: Für die Leser und Leserinnen entscheiden oft schon die ersten paar Zeilen oder Absätze eines Buchs, ob sie gewillt sind, sich darauf einzulassen, also es zu lesen (und überhaupt erst einmal zu kaufen.). Für die Autorin, bedeutet der Anfang eines Buchs vor allem sehr harte Arbeit, ein Herantasten, Verwerfen und Ausprobieren.
Zumindest bei mir ist das so. Selbst dann wenn mir (ja, auch das ist möglich), ein erster Satz einfach zufliegt und mich so berührt, dass ich ihn sofort zu Papier bringe. Doch ein erster Satz ist ja nur ein erster Satz. Ein winziges Bruchstück all der leeren Seiten, die es auch noch mit Sätzen zu füllen gilt. Dem ersten Satz muss ein zweiter folgen, dann der nächste, ein erster Absatz muss entstehen, eine erste Seite ... die richtige Seite ...
Selbst wenn die Eckpunkte der Geschichte in meinem Kopf bereits einigermaßen feststehen – für den tatsächlichen Buchanfang sind sie doch eher vage Koordinaten. Allein schon der Zeitfaktor: Wann, mit welchem Ereignis steige ich ein? Kurz bevor das Hauptgeschehen seinen Lauf nimmt, mittendrin, mit der Vorgeschichte? Welches Tempo wähle ich: Beginne ich schnell oder erst einmal langsam, träumerisch, um mich dann im Verlauf der Geschichte zu steigern?
All das will entschieden werden. Und natürlich geht es genau so um Erzählhaltung, Figuren und Sprache. Stimmt die Stimmung wirklich, die ich hier erzeuge? Passt sie zu der Geschichte, die ich erzählen will? Ist dieser erste Satz, Absatz, diese erste Seite tatsächlich der passende Einstieg oder gibt es noch einen besseren? Ein guter Anfang ist ja nicht weniger als ein Versprechen. Stimmt daran alles, wird dieses Versprechen nach und nach eingelöst, auf dass die geneigten Leser und Leserinnen am Ende befriedigt das Buch zuklappen und denken: Ja, genau, das habe ich mir gewünscht, als ich dieses Buch zu lesen begann.
Ich weiß von Kollegen, dass sie sich mit dem Anfang zunächst nicht lange aufhalten und relativ schnell eine „erste Fassung“ ihrer Bücher schreiben. Und dann eine zweite. Womöglich sogar noch eine dritte und vierte. Ich selbst schreibe langsamer, ändere dafür später nicht mehr so viel. Und auf jeden Fall ist es für mich absolut essentiell, gleich zu Anfang die richtige Sprache zu finden.
Schön ist das nicht immer, vor allem dann nicht, wenn ich mehrere Wochen lang über dem richtigen Anfang brüte. Doch inzwischen, während der Anfang meines fünften Romans allmählich Gestalt annimmt, habe ich akzeptiert: Es ist vollkommen sinnlos, mir mehr Tempo zu wünschen. Ich brauche es wohl, dieses zögernde Herantasten, die Sprachspielereien, das Ausprobieren. Denn mit jedem Wort – ganz egal ob es letztendlich gedruckt werden wird oder nicht - mache ich mir den neuen Stoff vertraut. Und dann, irgendwann, kommt der Lohn, der Glücksmoment, in dem ich merke: Ja, das ist das ist der Anfang für dieses Buch. Der einzig mögliche Anfang, der richtige Ton. Jetzt kann ich mit dem Schreiben beginnen. Was wieder andere Herausforderungen birgt ...
