„Schlafende Schwäne gleiten über das Wasser wie Träume. Sie hält inne, sieht ihnen zu.“

NACHT OHNE SCHATTEN

Notizbuch Eintrag 09. November 2010

Flow

Ein Flow ist ein wunderbares und mysteriöses Phänomen. Als Fluss oder Gedankenstrom kann man Flow übersetzen. Gemeint ist jedenfalls jener fast träumerisch-zeitlose Zustand, in den man mental bei der intensiven Ausübung einer Tätigkeit geraten kann. Sportler erleben Flows genauso wie Künstler. Im Flow ist alles, was vorher so schwer war, auf einmal ganz leicht, gelingt wie von selbst, mühelos.
Wenn ich beim Schreiben in einen Flow gerate, dann jagen sich in meinem Kopf plötzlich Worte und Sätze, ja ganze Dialoge oder Szenen strömen von irgendwoher in mein Hirn - so schnell, dass ich zuweilen kaum hinterher komme, sie aufzuschreiben.

Vor einigen Wochen gab ich einem Journalisten des Deutschlandradios ein Interview zum Thema Flow. Er arbeitet an einem umfassenden Hörfunk-Feature darüber und wollte von mir als Schriftstellerin gern wissen, wann und wie ich denn Flows erlebe - und ob es einen Trick gäbe, einen Flow herbei zu führen.

Ach, wenn ich doch nur wüsste, wie ich diesen seligen Flow-Zustand verlässlich herbeizaubern kann! Sofort würde ich mir dieses Wissen patentieren lassen. Nie wieder müsste ich mich fortan monatelang - oder gar länger - mit einem Romanmanuskript rumplagen. Selbst wenn ich nie wieder eine Zeile schreiben würde - ich wäre reich, denn mit dem Verkauf meines Wissens an andere Kreative hätte ich ein für alle Male ausgesorgt!

Doch leider, leider, so einfach ist das nicht. Genau genommen verhält es sich mit dem Flow kaum anders als mit der Muse (siehe Notizbuch vom 23. Juni 2008), die ja bekanntlich eine sehr eigenwillige, um nicht zu sagen launische, Diva ist und keineswegs brav herbeigeeilt kommt, wenn man sie gerade ganz besonders verzweifelt benötigt.

Ein bisschen verlässlicher als die Muse ist ein Flow zwar schon. Wenn ich zum Beispiel jogge, steigt die Wahrscheinlichkeit, in einen Flow zu geraten beträchtlich. Was wohl daran liegt, dass die Gedanken – weit weg vom Schreibtisch und genährt von der Gleichförmigkeit der Bewegung – auf einmal freier fließen. Und das, sagte der Journalist, der mich interviewte, höre er auch von anderen Kreativen.

Allerdings: Die Rechnung geht dennoch nicht auf. Denn auch ein Flow hat so seine Tücken. Heute Mittag zum Beispiel: Ich lief los und dachte dabei über die anstehende nächste Szene in Judith Kriegers 5. Fall nach, den ich gerade schreibe. In dieser Szene Judith landet auf der griechischen Insel Samos, um eine Zeugin zu vernehmen. Doch die griechischen Kollegen, eröffnen ihr, dass die Zeugin verschwunden ist und verschwinden dann selbst. Da steht Judith nun, mit bösen Ahnungen, gestrandet auf einer nur scheinbar idyllischen Ferieninsel ... Was also tut sie, wie geht sie vor, und vor allem: Wie erzähle ich das?

Dafür erhoffte ich mir ein paar Eingebungen. Aber nichts, Fehlanzeige, zwar strömten mir beim Laufen durchaus viele Sätze durch den Kopf, nicht jedoch zu Judith Krieger sondern zum Phänomen Flow. Auch gut, habe ich schließlich entschieden. Schreibe ich das also für Sie auf. Aber fragen Sie mich bitte nicht, wieso mir das gerade heute einfiel. Der Flow ist und bleibt eben doch ein Mysterium.