„Schlafende Schwäne gleiten über das Wasser wie Träume. Sie hält inne, sieht ihnen zu.“

NACHT OHNE SCHATTEN

Notizbuch Eintrag 21. Mai 2010

Eigensinn

Kürzlich las ich ein Interview mit der Schauspielerin Hannelore Elsner. Wenn jemand sie als eigensinnig bezeichne, betrachte sie das als Kompliment, sagte sie sinngemäß. Sie halte Eigensinn für sehr wichtig. Denn nur, wer ein Bewusstsein für den eigenen Sinn entwickele, könne seinen eigenen Weg gehen – was auch bedeute: sich klar von anderen unterscheiden.

Ich kann Elsners Interpretation dieses sonst eher negativ behafteten Charakterzugs absolut nachvollziehen. Eigensinn ist eine der Haupteigenschaften meiner Kommissarin Judith Krieger. Und als Autorin könnte ich ohne Eigensinn gar nicht schreiben.

Natürlich, zunächst einmal bin ich beim Krimischreiben den Spielregeln des Genres verpflichtet: Im Zentrum der Handlung steht ein Verbrechen, dieses wird aufgeklärt, und das Ganze soll möglichst spannend sein. Soweit hat das Krimischreiben also wenig mit Eigensinn zu tun. Doch sobald es um die Ausgestaltung der Handlung geht: Ihren Stil, ihre Akteure - meinen ganz individuellen Zugang zur Geschichte also - muss ich mich als Autorin für meinen eigenen Weg entscheiden.

Deshalb wohl wird mir bei Versuchen, meine Kriminalromane einzuordnen, schnell ein wenig unbehaglich. „Klönnes Krimis sind wie die von Henning Mankell“ schreiben einige Rezensenten zum Beispiel. Klar, dieser Vergleich mit einem Weltbestseller-Autor ist als Kompliment gemeint. Aber ich selbst sehe viele Unterschiede zwischen Mankells Romanen und meinen. Und genau diese Unterschiede sind doch das, was einen Autor (respektive eine Autorin) tatsächlich unverwechselbar macht.

Wie wird ein Roman erfolgreich, womöglich gar ein Bestseller?, werde ich oft gefragt. Meine Antwort darauf ist immer: Ich weiß es nicht. Und ich würde dringend davon abraten, ein Buch nur mit dem Blick auf erfolgreiche Vorbilder oder auf angesagte Trends zu schreiben. Zum einen, weil wirklich niemand vorhersagen kann, wie oft sich ein Buch verkauft. Zum anderen, weil Schreiben verlangt, sich nach innen zu richten – sich auf das eigene Werk zu konzentrieren.

Eigensinn empfehle ich AutorInnen, die mich nach einem Erfolgsrezept fragen, also. Und Eigensinn bedeutet auch Mut. Den Mut nämlich, Regeln zu brechen, Erwartungen zu enttäuschen, zu experimentieren und Neues zu wagen. Das ist oft anstrengend, doch genau genommen gibt es gar keine Alternative dazu: Weil nämlich Literatur ohne solche Wagnisse austauschbar und langweilig wird.